Seit Wochen und Monaten rührte sich nichts auf unserem Stern, sie zeigte sich völlig ohne die kühleren Fleckenregionen – so lange wie noch nie. Der Sonnenwind nimmt an Heftigkeit ab, das Magnetfeld schrumpft, jetzt beginnt die Sonne aber an einer anderen »Front« einige unerwartete Aktivität zu entwickeln.
Ein Stern ist eben ein Stern und dabei einem Lebewesen oft recht ähnlich. Freundlich oder mürrisch, wach oder schläfrig. Teils berechenbar, teils auch nicht. Unser Stern macht da keine Ausnahme. Obwohl schon so etliche wesentliche Vorgänge recht gut verstanden sind, tappen die Sonnenphysiker bei weit mehr Fragen immer noch im Dunkeln. Wie berichtet, finden auf der Sonne gegenwärtig einige deutliche Veränderungen statt, von denen man nicht weiß, ob sie normal sind oder nicht. Bei der gewaltigen Lebensspanne eines Sterns, wie will da der Mensch wissen, was sich alles abspielen kann und welche verborgenen Zyklen hier existieren, Zyklen, die auch für irdische Kaltzeiten und klimatische wie biologische Phänomene verantwortlich sind. Sonnenflecken kommen und gehen in einem Elf-Jahres-Rhythmus, weit längere Perioden sind diesem gut dokumentierten Auf und Ab überlagert. Allerdings war die Sonne seit Beginn entsprechender Beobachtungen noch nie so blank wie 2008! Das weiß man schon, obwohl das Jahr noch gar nicht vorüber ist. Denn bis Ende September ließen sich tatsächlich 200 Tage zählen, an denen nicht der winzigste Fleck unser Gestirn verunzierte. Das Solar and Heliospheric Observatory nahm beispielsweise am 27. September ein absolut »sauber geputztes« Bild der Sonne auf – wieder nicht ein Fleck zu sehen! Das 1995 ins All gestartete Sonnenobservatorium kreist in einem Gleichgewichtspunkt der Erdbahn rund 1,5 Millionen Kilometer entfernt zusammen mit der Erde um die Sonne und kann sie dabei ständig im Blick behalten.
Spezialisierte Physiker, die Sonnenbeben erforschen, sind ganz froh über die saubere Sonne. Sonnenflecken nämlich sind magnetische Störungszonen, in denen das Sonnenplasma »kühler« ist. Tauchen solche Gebiete auf, verkomplizieren sie die Arbeit. So erklärt Dean Pesnell vom Goddard-Raumfahrtzentrum: »Wenn die Sonnenflecken aus dem Weg sind, gewinnen wir einen besseren Blick auf die Oberflächenwinde der Sonne und auch auf den inneren magnetischen Dynamo.« Vielleicht wird das auch weiterhelfen, die ungewöhnliche Entwicklung gerade dieser beiden Phänomene der derzeit recht schweigsamen Sonne zu ergründen.
Doch an einer anderen Front tut sich gegenwärtig dafür umso mehr. Ein Blick an den Sonnen-»Rand« lohnt sich, allerdings nur mit Spezialausrüstung. Dann sind derzeit einige fantastische Gasfontänen zu sehen, so wie schon lange nicht mehr. So große Protuberanzen haben sich schon lange nicht mehr gezeigt. Wacht unser Stern doch langsam wieder auf? Sie zeigt uns zwar eine blanke Halbkugel, doch am Rand scheint einiges los zu sein.
Wer die Sonne beobachten will, muss im Übrigen immer größte Vorsicht walten lassen, Sternwarten weisen immer wieder darauf hin – nur einmal kurz durchs Fernrohr in den grellen Gasball geschaut und das Auge ist verloren. Erblindung garantiert! Schon ein kleines Fernglas schädigt die Augen irreparabel. Daher finden Sonnenbeobachtungen nur unter genau definierten und kontrollierten Bedingungen statt. Ganz einfach und risikolos geht’s, wenn man einen Feldstecher aufs Stativ schraubt, eine Öffnung abdeckt und dann hinter dem Okular des genutzten Objektivs in einigem Abstand ein weißes Blatt Papier hält. Das Ganze wirkt wie ein Diaprojektor. Und man sieht die runde Sonnenkugel in der Projektion ganz deutlich.
Auch lässt sich die Sonne so auf größere Flecken und Fleckengruppen überprüfen. Protuberanzen, die mächtigen Gasströme am Sonnenrand, und auch viele andere Phänomene sind allerdings ausschließlich mit meist sehr teueren Spezialgeräten zu sehen, die nur ausgewählte Wellenlängen durchlassen. Und wer es ganz einfach haben will, der schaut einmal direkt bei SOHO nach, auf der Seite:
http://sohowww.nascom.nasa.gov/about/about.html. In der Galerie sind die beeindruckendsten Sonnenbilder zu sehen. Und nun heißt es einfach abwarten, was sich auf unserem brodelnden Lebensspender in Zukunft tut!
Andreas von Rétyi