 | Admin schrieb am 03.12.2008: Unser Mond hält immer wieder Überraschungen bereit. Jetzt gelangen der japanischen Raumsonde »Kaguya« sensationelle Aufnahmen der lunaren Rückseite. Sie belegen eine viel länger anhaltende vulkanische Aktivität als bisher angenommen.
Wieder einmal zeigt sich, dass einige alte Weisheiten über den Haufen geworfen werden müssen, wenn es um die Geschichte unseres Mondes geht. Bislang glaubten Wissenschaftler, die letzten großen Vulkane des Erdbegleiters seien vor über drei Milliarden Jahren erloschen. Die neuen, hoch aufgelösten Bilder, wie sie die japanische Sonde Kaguya (Selene) von der erdabgewandten Seite des Mondes zur Erde funkte, lassen allerdings andere Rückschlüsse zu. Um die Rückseite unseres kalkigen und scheinbar durchweg abgestorbenen Trabanten zu sehen, reicht es nicht, auf die Südhalbkugel der Erde zu reisen. Denn egal, wo auf unserem Planeten wir uns befinden, wir sehen immer nur eine lunare Hemisphäre – schlichtweg wegen der gebundenen Rotation unserer runden Nachtleuchte: Sie dreht sich nämlich genau in der gleichen Zeit um die eigene Achse, in der sie sich auch einmal um die Erde dreht, eben in einem Monat. Nur wegen der leicht gegenüber dem Erdorbit geneigten und zudem elliptischen Bahn des Mondes sehen wir rund 59 Prozent seiner Oberfläche. Doch die Rückseite bleibt irdischen Teleskopen verborgen. Also sind künstliche Späher gefragt. Bisher lieferten die Sonden allerdings eher bescheidene Aufnahmen mit nur etwa hundert Meter Auflösung. Kaguya verzehnfachte jetzt die Detailgenauigkeit und legte dabei neue Geheimnisse der Mondrückseite offen. Ganz anders als die Vorderseite ist sie großteils von Kratern bedeckt. Nur kleine Regionen gleichen den beinahe völlig ebenen Basaltflächen, die seit Jahrhunderten als Mare-Gebiete bezeichnet werden. Das alles ist nicht neu. Und längst ist bekannt, dass sich die ersten Beobachter täuschten, wenn sie davon ausgingen, hier echte Wasserflächen zu sehen – daher auch der Name »Mondmare«, also »Mondmeer«. Neu ist allerdings die Erkenntnis, dass die kleinen rückwärtigen Mondmeere weit weniger Krater aufweisen als vermutet. Diese Beobachtung deutet aber sehr direkt und zuverlässig auf ein entsprechend geringeres Alter der vulkanisch entstandenen Mare-Regionen hin.
Die planetaren Körper unseres Sonnensystems wurden in der frühen Phase noch von unzähligen herumschwirrenden Brocken bombardiert – Bauschutt aus der Entstehungszeit. Besonders große Trümmer durchbohrten die Kruste des Mondes, so dass flüssiges Mantelmaterial an die Oberfläche stieß und sie überflutete. Dort entstanden die ebenen Mare-Zonen. Da die Mondkruste auf der erdabgewandten Seite allerdings deutlich dicker ist, blieb sie weitgehend intakt. Das »Große Bombardement« endete vor rund 3,2 Milliarden Jahren. Von da an nahm die Zahl der einfallenden kosmischen Geschosse stetig ab. Kraterzählungen lassen darauf schließen, wann eine Oberfläche sich verfestigte und somit, wann die vulkanischen Prozesse zum Erliegen kamen. Die detailreichen Aufnahmen von Kaguya ließen jetzt eine weit bessere Bestimmung der Kraterzahlen zu. Sie liegen weit unter den Erwartungen. Wenige Krater bedeuten aber ein relativ geringes Alter. In diesem Fall sind das zwar immer noch etwa 2,5 Milliarden Jahre, doch gegenüber früheren Abschätzungen erweist sich dies als deutlicher Sprung in Richtung »Gegenwart«.
Auch zur Mondvorderseite gibt es neuere Zahlen. Die Bilder von Kaguya lassen darauf schließen, dass größere vulkanische Aktivitäten hier vor rund einer Milliarde Jahre endeten. Ähnlich wie auf der Rückseite hatte sich der Vulkanismus allerdings bereits auf einige wenige Gebiete beschränkt. Doch so eintönig und öde, so tot und abgestorben die Mondoberfläche heute rundum erscheint, so geheimnisvoll und aktiv ist sie immer noch. Denn immer wieder werden bis heute ungeklärte Leuchterscheinungen an einigen Stellen wahrgenommen. Seit Mitte 2005 stürzten weit mehr als 100 kleinere Meteoriten auf den Mond und erzeugten dabei helle Blitze. Nicht alle Lichter dort oben sind allerdings mit solchen Kleinkollisionen zu erklären, zumindest deuten einige der bisherigen Analysen auf unterschiedliche Ursachen hin. So bleiben selbst auf der Vorderseite des Mondes noch viele Rätsel bestehen, von der noch wenig erforschten Rückseite gar nicht zu reden!
Andreas von Rétyi |