 | Admin schrieb am 20.02.2009: Das Land der blauen Kakteen
Andreas von Rétyi
In einem Wüstenabschnitt bei Carlsbad im US-Bundesstaat Neu-Mexiko werden wahrhaft strahlende Zeugnisse der Gegenwart abgeschirmt – mindestens 10.000 Jahre lang soll das gut gehen. Doch der radioaktive Müll wird noch in 250.000 Jahren tödliche Strahlung aussenden. Seit Jahrzehnten schon ist allerdings geplant, besonders im Yucca-Mountain in Nevada gewaltige Mengen nuklearer Abfälle unterzubringen. Diese beiden Orte sollen schon aus weiter Ferne als schreckliche Todeszonen erkennbar sein. Wie das am besten geschieht, sollte kürzlich ein sehr ungewöhnlicher Wettbewerb klären. Doch mit dem Yucca Mountain gibt es noch ganz andere Probleme. Die Desert Space Foundation, eine Künstlergruppe aus Las Vegas, Nevada, veranstaltete unlängst einen Kontest der ganz besonderen Art: Wie warnt man Menschen am wirkungsvollsten vor nuklearen Endlagerstätten, und das möglichst weit in die Zukunft hinein? Am besten wohl, man schreibt klipp und klar auf große Schilder, was an einem solchen Ort hinter dicken Betonschichten gelagert wird. Da gibt es beispielsweise das Waste Isolation Pilot Project (WIPP), eine abgeschottete Anlage in der Chihuahua-Wüste bei Carlsbad im US-Bundesstaat Neu Mexiko. ierAuf dem Gelände verläuft ein über drei Kilometer langer und rund elf Meter tiefer Graben. Diese künstliche Senke, so breit wie drei Einfamilienhäuser, birgt in ihrer zentralen Salzmine gefährlichsten radioaktiven Abfall. Mächtige Betonpfeiler tragen warnende Inschriften in sieben Sprachen von Englisch bis Navajo – Rosetta-Steine der Zukunft, Obelisken des Todes. Fernen Generationen mögen diese Mahnungen wahrhaft wie Zaubersprüche erscheinen, gleich dem berühmten Fluch der Pharaonen. Doch hielt er die Plünderer und Grabräuber wirklich auf Distanz? Wird die abschreckende Wirkung der modernen Stelen so lange halten wie die tödliche Strahlung im Inneren jener Technologie-Gräber?
Mindestens 10.000 Jahre sollen die Mahnmale in der Wüste überdauern, zusammen mit abschreckenden Bildnissen menschlicher Gesichter, die gezeichnet von Angst und Entsetzen in die Wildnis starren. Ein futuristischer Appell ans Archetypische! Doch die hier lagernden Plutonium-Abfälle stellen einen, wenn auch besonders diabolischen, so doch nur geringen Prozentsatz des gesamten Grauens dar, das sich in Gestalt nuklearen Mülls in den Vereinigten Staaten angesammelt hat. Seit Jahrzehnten schon soll als Endlagerstätte für einen Großteil dieses Langzeitproblems eine Bergregion in Nevada dienen: der Yucca Mountain. Auch hier soll die Menschheit auf Dauer vor der strahlenden Pest gewarnt werden, die im Inneren des Berges lauert. Im Rahmen jenes Wettbewerbs der Desert Space Foundation stieß dabei vor allem ein Vorschlag auf Interesse: die Idee, den gesamten Yucca Mountain mit genetisch veränderten und daher auffallend blauen Yucca-Kakteen zu bepflanzen. Eine Landschaft voller kobaltblauer Kakteen sollte eigentlich als etwas Besonderes auffallen. Nur, ob so etwas wirklich abschreckt? Eher schon könnten derartige Maßnahmen neugierige Besucher anziehen, die dann von entsprechenden Barrieren und Warntafeln über die eigentliche Bewandtnis der merkwürdigen Installation in Kenntnis gesetzt dürften. Und keiner würde länger fragen, warum die Schlümpfe blau sind.
Die Sache mit Yucca Mountain scheint nicht nur hinsichtlich des fast ewig strahlenden und für eine dortige Unterbringung bestimmten Nuklearmaterials eine schier unendliche Geschichte. Überhaupt schleppt sich das Projekt schon über Jahrzehnte hin und hat bereits Unsummen an amerikanischen Steuergeldern verschlungen, ohne jeden Nutzen und ohne jede Hoffnung auf eine wirklich sinnvolle Umsetzung. Vor mir stapeln sich Dokumente, wie sie sich lediglich als exemplarisches und glücklicherweise nicht strahlendes Material über die vielen Jahre hinweg als Nebenprodukt meiner Beschäftigung mit den Regierungsanlagen Nevadas angesammelt haben. Darunter offizielle Stellungnahmen diverser US-Politiker, wissenschaftliche Bewertungen, Finanzierungs-Übersichten, Umweltschutz-Gutachten, Baupläne, Statusberichte und geologische Beurteilungen. Ein Bericht zu ökologischen Fragestellungen datiert auf den Mai 1986 und wurde vom US-Energieministerium herausgegeben, das sich ein Jahr später aufgrund eines Gesetzesentwurfes des Kongresses verpflichtete, aufgebrauchtes Nuklearmaterial der 104 landeseigenen Kernreaktoren zu übernehmen und geeignet zu lagern, und zwar bis zum Jahr 1998!
Das alles ist also doch schon eine ganze Weile her. Nur, viel getan hat sich seitdem allerdings nicht. Außer eben, dass viel Geld, ja, sogar sehr viel Geld ziemlich nutzlos den Colorado River entlang ins nukleare Nirvana geflossen ist. Das US Department of Energy (DoE) hatte ursprünglich seine Absicht erklärt, das gefährliche Material tief im Yucca Mountain unterzubringen. Doch bis heute ist das Projekt nicht vollendet, wobei der gesamte Plan ohnehin mehr als fragwürdig ist. Trotzdem stellte das DoE im vergangenen Juni seinen endgültigen Antrag bei der zuständigen Regulationsbehörde NRC, nunmehr die Lizenz zur Errichtung des Lagers zu erhalten. Jedes Jahr der Nichtumsetzung kostet den US-Steuerzahler eine Milliarde Dollar. Diese Summe muss die US-Regierung wegen der Bauverzögerung als Kompensation an Versorgungsunternehmen zahlen.
Die Zwischenlagerung geschieht bis dato direkt bei den einzelnen Reaktoren, doch beinahe all diese Stätten sind bereits jetzt an ihrem Limit. Vor 2017 allerdings wird die Yucca Site nicht fertiggestellt sein. Und da gibt es noch ein Problem: Der Yucca Mountain, ein Bergmassiv auf einem Nuklearwaffen-Testgelände rund 160 Kilometer nordwestlich von Las Vegas, hat eine bewegte geologische Vergangenheit hinter sich. Die vulkanisch entstandenen Formationen liegen nahe einer Verwerfung. So gab es in der jüngeren Vergangenheit Erdbeben, die einige der bereits bestehenden Gebäude am Berg beschädigt haben.
Und hier will man nuklearen Müll endlagern? Der Berg führt zudem Wasser, das unter Umständen nach weiteren Beben radioaktives Material in die ungeschützte Umgebung transportieren und Boden wie Trinkwasser verseuchen könnte. Da drängt sich dann doch die Frage auf: Gibt es einen noch idiotischeren Ort, um tödlichen Restmüll zu bunkern und »von der Außenwelt abzuschotten«? Wahrscheinlich nicht, sonst hätten die Verantwortlichen ihn sicher schon als sinnvolle Alternative für Yucca auserkoren!
Immerhin gab es bereits im Jahr 1983 acht Vorschläge für andere Lokalitäten – seien es Salzlager, die Basaltformationen bei Hanford im Staat Washington, unterseeische Endlager oder aber ein sicheres Plätzchen im All. Doch wer wollte auch den sicheren Weg dorthin garantieren? Eine Rakete mit radioaktivem Müll an Bord lässt nicht gerade Freude aufkommen. Und unterm Strich bleibt Yucca bis heute leider das am weitesten fortgeschrittene US-Endlager-Projekt. Präsident Obama zeigte sich von Yucca allerdings ebenso wenig begeistert wie Harry Reid, Senator in Nevada. Der neue Präsident erklärte wiederholt seine Ablehnung und betonte, dass sich seine negative Einstellung zu Yucca als Endlager auch künftig nicht ändern werde. Mittlerweile stecken elf verpulverte Milliarden in diesem Berg, doch die Komplettierung würde weitere 90 Milliarden verschlingen – laut einer 2008 erstellten Abschätzung der Bush-Administration. Ein Fass ohne Boden also, und eine solche Bodenlosigkeit erweist sich vor allem bei Fässern mit nuklearem Abfall als besonders unerfreulicher Nebeneffekt.
Was also tun? Gegenwärtig findet neben der Lagerung in speziellen Wasserbecken wie schon angedeutet eine »Trockenlagerung« in angeblich bestens gesicherten Fässern statt. Genutzte Brennstäbe werden in träges Gas wie Helium »eingelegt« und kommen dann in Stahlcontainer, die man wiederum in Beton einschließt. Jedes dieser Pakete kostet rund eine Million Dollar und soll in dieser Konfiguration mindestens 90 Jahre lang völlig sicher bleiben. Doch die Lagerung findet direkt an den Kraftwerken statt, an der Oberfläche. Was aber im Falle einer Reaktorschmelze? Und was bei einem Terrorangriff? In Zeiten, in denen die USA überall die Gefahr einer Terrorattacke wittern, nun, warum dann offenbar nicht auch hier? Nicht zu vergessen Diebstahl. Ein hoher Prozentsatz des abgestellten Materials wäre weiterhin vielseitig verwendbar. Entsprechend hoch gesichert müssen auch die Wiederaufbereitungsanlagen sein. Und hier sieht der Physiker Edwin Lyman, leitender Wissenschaftler der unabhängigen Union of Concerned Scientists (zu Deutsch: Vereinigung besorgter Wissenschaftler) ein wesentliches Problem. Wer kann gerade angesichts der Proliferation jener Anlagen, in denen Plutonium gewonnen wird, tatsächliche Sicherheit garantieren, so fragt Lyman. International seien bereits 250 metrische Tonnen Plutonium recycelt worden, genug für 30.000 Kernwaffen!
Auch rund 95 Prozent der Energie des spaltbaren Urans verbleiben im radioaktiven Müll – alles natürlich gute Argumente für Rod McCollum, Chef des Yucca-Projekts innerhalb des industriellen Nuclear Energy Institute (NEI): »Mithilfe von Yucca Mountain können Sie den nuklearen Müll hernehmen und recyceln.« Doch wie sich allerorten zeigt, ein anhaltend gefährliches Spiel mit dem Höllenfeuer! Wohin also mit dem strahlenden Zeug? Für die hochradioaktiven Materialien sieht NEI-Biophysiker Ralph Andersen nur eine gangbare Lösung: »Ein tiefes geologisches Lager« und so wünscht er sich Betonbunker, bewacht von bewaffneten Sicherheitskräften. Eine »bewaffnete Festung aus Beton« eben. Der Yucca Mountain allerdings hätte selbst bei einer definitiven und sofortigen Realisierung bereits im kommenden Jahr sein gesetzlich festgelegtes Limit von 70.000 metrischen Tonnen erreicht – und auf Dauer wäre dieses Reservoir wie gesagt keineswegs sicher, schon mittelfristig betrachtet nicht. Das einzig Beständige ist an der ganzen Geschichte das Problem selbst! Die nuklearen Zauberlehrlinge haben die Geister gerufen und werden sie nicht mehr los! Gewiss, etliche jener Lehrlinge wollen dies auch überhaupt nicht, und das Rad der Zeit lässt sich ohnehin nicht mehr zurückdrehen. Aber die Sorge, die bleibt. Genauso der radioaktive Müll. Nur die Steuergelder sind weg.
In Europa wird sich bald auch einiges tun. In Finnland hat man den Widerstand wohl bereits weitgehend aufgegeben und versucht nun, positiv zu denken. Auf der finnischen Insel Olkiluoto soll in zehn Jahren das erste Endlager für nukleare Brennstäbe entstehen. Kostenpunkt: drei Milliarden Euro – im Vergleich zu Yucca also nicht der Rede wert. Die Anwohner der Region hoffen nun unter anderem auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze und auf ein wirklich sicheres Lager natürlich. Und in Amerika? Auch hier bleiben die Hoffnungen, vor allem auf eine echte Lösung. Was wird dort wirklich geschehen? Wahrscheinlich weiß das nicht einmal der Präsident selbst – und wäre George Bush noch im Amt, so hätten böse Zungen nun wohl sicher behauptet: der Präsident am allerwenigsten! Im Land der blauen Kakteen aber, dort würde gewiss nicht einmal der allerwahnwitzigste Schlumpf unseres so wunderbar blauen Planeten leben wollen!
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