 | Admin schrieb am 20.12.2009: Wenn Jungen mit Puppen spielen ...
Niki Vogt
… dann könnte das daran liegen, dass ihre Mütter in der Schwangerschaft zu viele Weichmacher aufgenommen haben. Ein Forscherteam um die Gynäkologin Shanna H. Swan vom Zentrum für reproduktive Epidemiologie an der Universität Rochester in New York hat in einer Studie herausgefunden, dass zwei in Plastik enthaltene Chemikalien aus der Gruppe der Phthalate wahrscheinlich dafür verantwortlich sind, dass sich Jungen in ihrer Kindheit weiblicher verhalten als von der normalen Rollenverteilung gewohnt. Phthalate wirken sich auf die Gehirnentwicklung und damit auch auf das Spielverhalten von Jungen aus. Phtalate kommen unter anderem in PVC vor. In die Nahrungskette und damit in den menschlichen Körper gelangen sie über Verpackungen und Behälter, in denen Lebensmittel aufbewahrt werden. Sie können auch in Beißringen und Kinderspielzeug eingesetzt werden, sofern sie dort nicht gesetzlich verboten sind. Zudem kommen Phthalate in Fußböden, Duschvorhängen, Plastikrohren, Haushaltsprodukten, Seifen und kosmetischen Flüssigkeiten vor.
Die Weichmacher im Kunststoff sind sogenannte endokrine Disruptoren, das heißt Substanzen, die im Körper wie Hormone wirken und sich daher auf den normalen Hormonhaushalt und auf die geschlechtsspezifische Entwicklung des Gehirns auswirken. Dies allerdings nur bei Jungen und nicht bei Mädchen, deren Mütter in der Schwangerschaft hohe Konzentrationen der Chemikalien im Körper gespeichert hatten. Die Jungen dieser Mütter spielten signifikant seltener »männliche Spiele« bzw. mit »männlichem Spielzeug«. Auch auf die Entwicklung der Geschlechtsorgane sollen sich nach den Studien von Dr. Swan die Chemikalien auswirken. Sie können dadurch bei betroffenen Jungs kleiner ausfallen oder bewirken, dass die Hoden nicht vollständig absinken.
Die Forscher untersuchten 145 auffällige Vorschulkinder und befragten ihre Eltern nach Erziehungsgrundsätzen und erwünschtem Verhalten der Jungen, um sicher zu gehen, dass nicht die Unterstützung der Eltern für die geschlechtsuntypische Verhaltensweise verantwortlich ist.
Die fünf am häufigsten eingesetzten Phthalate sind DIDP (Di-isodecyl-phthalat), DINP (Di-isononyl-phthalta, DEHP (Di (2-ethylhexyl) phthalat) DBP (Dibutylphthalat) und BBP (Benzylbutylphthalat). Die Phthalate DEHP, DBP und BBP wurden bereits in der Vergangenheit von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union als fortpflanzungsgefährdend eingestuft. Wenn also die Möglichkeit besteht, irgendwo eine Inhaltsangabe der Bestandteile eines Kunststoffgegenstandes zu erhalten, mit dem Ihr Kind spielt, lohnt sich eine Prüfung, ob vielleicht die genannten Stoffe enthalten sind.
Die Freisetzung dieser Phthalate aus Weich-PVC ist leider nicht zu verhindern. Sie dünsten aus diesen Produkten ständig aus, können ausgewaschen werden oder verteilen sich beim Anfassen und Hantieren durch Abrieb von Kunststoffpartikeln. Durch die vielen »verbrauchernahen Anwendungen« des Weich-PVC, zum Beispiel in Bodenbelägen, Tapeten oder Lebensmittelverpackungen, ist der Mensch einer ständigen Belastung durch Phthalate ausgesetzt und nimmt die Weichmacher vor allem über die Luft und die Nahrung auf. Bei fast jedem Menschen sind Phthalate oder ihre Abbauprodukte (Metabolite) im Blut und im Urin nachweisbar.
Zu vermeiden ist die Aufnahme dieser Weichmacher für den Menschen leider kaum. Denn erst die Zugabe von Weichmachern verleiht dem an sich harten und spröden Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) elastische Eigenschaften – und ermöglicht somit Anwendungen als schön griffiger und angenehmer Weich-Kunststoff. Ohne diese Zusätze würden Gegenstände aus Kunststoff sofort bei der geringsten Spannung oder Materialbelastung splittern. Gerade bei Kunststoff-Kinderspielsachen werden die Weichmacher besonders gern genommen, machen sie doch die Spielsachen so richtig schön kindgerecht knuddelig und vermitteln den Eindruck, ungefährlich für die Kleinen zu sein.
Nach Angaben der »Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V« (AGPU) sind die größten Endnutzer des Weich PVC
– die Bauindustrie (Kabel, Schläuche, Fußbodenbeläge, Folien, Tapeten),
– die Elektro- und Kabelindustrie (Ummantelung von Kabeln und Leitungen),
– der Automobilbau (Unterbodenschutz, Innenraumverkleidungen, Dichtungen),
– sowie die Sport- und Freizeitartikel-Industrie.
Informationen zu sogenannten reproduktionstoxischen (fortpflanzungsgefährdenden) Stoffen erhalten Sie unter anderem beim Umweltbundesamt.
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