 | Admin schrieb am 07.11.2008: Mehr als 300 Meter unter der Erdoberfläche liegt eine märchenhafte Höhle, wie sie eigentlich nur einem Fantasy-Film entstammen könnte. Gewaltige, meterlange Kristalle ruhen hier seit Jahrtausenden und bilden einen glitzernden Wald, der auf der Welt einmalig ist. Expeditionen in dieses verborgene Heiligtum nahe der mexikanischen Stadt Chihuahua enthüllen nie zuvor gesehene unterirdische Geheimnisse und belegen, welche Überraschungen im Erdinneren noch harren. Die Entdeckung dieses Wunderreichs ist nicht neu, doch jetzt gibt es aktuelle Bilder davon und neue Anstrengungen, die einzigartige Höhle zu retten – denn sie ist in ernster Gefahr. Man muss schon zweimal hinsehen, um zu erkennen, was da zwischen den glitzernden Kristallen herumklettert. Und dann Zweifel – denn das kann es doch nicht geben! Irgendwer scheint hier doch ein wenig am PC herumgebastelt zu haben; die Menschen auf dem Bild sind einfach viel zu klein oder aber die Kristalle zu groß.
Und doch ist alles echt, aufgenommen in der einmaligen Cueva de los Cristales bei Chihuahua in Mexiko. Hier liegen rund 170 glasklare Obelisken wie gefällte Baumstämme kreuz und quer, erreichen teilweise über zwölf Meter Länge. Aus dem natürlichen Deckengewölbe der Kristallhöhle ragen hell glitzernde Spitzen aus riesigen Gipskristallen nach unten. Eine andere Welt – wer dort war, ist überwältigt von ihr und muss nicht lange um Vergleiche ringen. Dies alles sei wie eine Sixtinische Kapelle der Kristalle, beinahe nicht von dieser Welt, außerirdisch, eine überirdische Kathedrale, wie im Inneren eines Sterns, so schwärmen jene, die einmal in das atemberaubende Heiligtum eingedrungen sind. Atemberaubend auch ganz im Wortsinne, denn so kühl und luftig diese unterirdische Welt auf Fotos auch erscheint, so heiß und drückend ist sie in Wirklichkeit. Die Luftfeuchtigkeit hier erreicht bald hundert Prozent, bei Temperaturen von konstant knapp 45 Grad Celsius! Beinahe nicht auszuhalten! Die Höhle liegt direkt über einem Magmakanal, der ihr stetig ein enormes Hitzepotenzial zuführt. Expeditionen in diese 300 Meter unter dem Erdboden liegende Welt können lebensgefährlich werden, selbst mit Spezialausrüstung, selbst beim Tragen gekühlter Schutzkleidung und Atemmasken. Meist halten sich die Expeditionsgruppen daher auch nicht länger als 20 Minuten in der gewaltigen Kaverne auf. Schon die Fahrt zum Eingang, der heute von einer schweren Stahltür gegen unbefugten Zutritt versperrt ist, dauert rund 20 Minuten und verläuft durch einen gewundenen Minenschacht.
Das Areal zählt zur Naica-Mine, einem gewaltigen System von Schächten und Hohlräumen, in denen vor allem Blei, Zink und Silber abgebaut wird. Bekannt ist sie schon seit 1794, als frühe Prospektoren auf eine Silberader am Fuß der Berge von Chihuahua stießen. Doch erst mit der Zeit enthüllte die unterirdische Welt einige ihrer wahren Wunder. Nach der Entdeckung der in 150 Meter Tiefe gelegenen »Höhle der Schwerter« zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die sich ebenfalls stellenweise voll von Kristallen erwies, sollte es noch rund ein Jahrhundert dauern, bis die große Höhle der Riesenkristalle aufgespürt wurde. Vor acht Jahren, im April 2000, legten die Brüder Juan und Pedro Sanchez einen neuen Tunnel an und drangen damit ohne es zu ahnen in die Zauberwelt der Cueva de los Cristales vor.
Geologen versuchen nun zu klären, was dort genau vor sich ging, damit derart große Kristalle überhaupt entstehen konnten.
Einige Kilometer unterhalb des Höhlensystems befindet sich eine Magmakammer. Hitze der verdichteten Lava dringt durch Falten nach oben, extrem heißes Material trägt die Mineralien in sich, die in den Minen abgebaut werden. Die riesigen Obelisken begannen sich aus Grundwasser zu bilden, das mit Kalziumsulfat gesättigt war. Aktuelle Analysen lassen darauf schließen, dass die Magmablase vor rund 600.000 Jahren abzukühlen begann. Damals konnten die Mineralien aus dem Wasser ausfallen und unter gleich bleibenden Bedingungen ungestört zu den gewaltigen Kristallen heranwachsen. Erst 1985 kam das Wachstum zum Stillstand, nachdem Minenarbeiter den Grundwasserstand in der Höhle durch Pumparbeiten unwissentlich verringert hatten. Das System trocknete seitdem aus und steht unter Luftzufuhr von außen. Die mächtigen Selenitpfeiler könnten nunmehr so spröde werden, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht auseinander brechen.ö Der Minenbesitzer interessiert sich nicht sonderlich für die Kristalle, weit mehr schon für das übliche Geschäft, auch wenn er gegenüber einem National-Geographic-Mitarbeiter beteuert, sich für das einmalige Naturwunder einsetzen zu wollen. Ein allerdings eher halbherziges Bekenntnis, so hat es den Anschein. Die Riesenkristalle genießen außerhalb Mexikos ein weit höheres Ansehen als im Lande selbst – es ist eben wie mit dem berühmten Propheten! Und am Ende werden jene kristallenen Pfeiler bald schon zu einem Mahnmal, das den oft verwerflichen Umgang mit der Natur nur allzu deutlich in Erinnerung ruft.
Als die Brüder Sanchez jene Höhle erstmalig betraten, hatte sie die Pforten zu den Wundern einer nie gekannten inneren Welt aufgestoßen. Ein Fund, der vielleicht erahnen lässt, was noch an unerwarteten Geheimnissen tief unter der Erdoberfläche auf uns wartet. Dort existieren wahrhaftig eigene Welten, die teilweise seit Jahrmillionen von der uns vertrauten Welt abgekoppelt waren – ähnlich wie auch der unterirdische Vostok-See der Antarktis, in dem eine absolut fremde Biologie darauf wartet, entdeckt zu werden. Nun, wartet sie wirklich darauf? Ängste sind nicht unbegründet, mit dem Augenblick des Eindringens in diese uralten Refugien einen unsichtbaren Bannkreis zu brechen und ein Sakrileg zu begehen. Diskussionen darüber können endlose Dimensionen annehmen, doch nicht umsonst hat man sich dem immerhin schon seit 1973 bekannten Vostok-See bisher lediglich mit Radarsondierungen genähert sowie Eisproben der darüber liegenden, kilometerdicken Schichten genommen. Viel einfacher und direkter gestaltete sich demgegenüber der Zugang zum Reich der Kristalle. Was mag noch alles im Erdinneren verborgen sein? Angesichts derart sagenhafter Kavernensysteme dürfte so mancher wieder an jene sagenhafte Innere Welt denken, an bewohnte unterirdische Reiche und eine hohle Erde. Allerdings gibt es gute Gründe, die These einer im Inneren ausgehöhlten Erdkugel abzulehnen. Satellitenbahnen, Tektonik, der Verlauf von Erdbebenwellen und vieles mehr sprechen eine deutliche Sprache. Allerdings ist die Erdkruste wahrhaft dick genug, um nicht nur riesige natürliche Höhlensysteme zu bergen, sondern auch künstliche Anlagen, wie sie schon vor Jahrzehnten von US-Denkfabriken geplant wurden. Tief unter Bergen und auch unter dem Ozeanboden dürfte so manches »schlummern« – und dennoch ungewöhnliche Aktivitäten entfalten. Hier ist Raum genug für ungezählte Reiche. Doch am schönsten dürften wohl immer noch diejenigen sein, welche die Natur geschaffen hat. Sie zu erhalten, darum sollte es vor allem gehen. So versuchen Forscher nun durchzusetzen, diese einzigartige Höhle als UNESCO-Weltkulturerbe zu etablieren, was eigentlich ein Leichtes sein müsste.
Andreas von Rétyi |