 | Admin schrieb am 12.10.2009: Der IWF, gestern noch gemieden, soll plötzlich Weltzentralbank werden
Ellen Brown
»Noch vor einem Jahr wollte niemand etwas vom Internationalen Währungsfonds (IWF) wissen«, sagte Professor Ross Buckley vergangene Woche in der Nachrichtensendung des australischen Fernsehsenders ABC. »Jetzt organisiert er das internationale Stimulierungspaket, das der Öffentlichkeit als Hilfsprogramm für die armen Länder verkauft wird.«
Der neue, dem IWF zugedachte Status ist jedoch womöglich noch viel bedeutender. Laut Jim Rickards, dem Marktforschungsdirektor der wissenschaftlichen Beraterfirma Omnis, hatte der G20-Gipfel in Pittsburgh vor einer Woche den inoffiziellen Zweck, »den IWF zur weltweiten Zentralbank zu weihen«. In einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CNBC sagte Rickards am 25. September, es sei geplant, dass der IWF eine Weltreservewährung ausgeben solle, die an die Stelle des Dollars treten könnte.
»Zum ersten Mal in der Geschichte bringen sie Schulden in Umlauf«, erklärte Rickards. »Sie geben SZR (Sonderziehungsrechte) aus. Die letzten SZR wurden 1980 oder 1981 ausgegeben, damals in Höhe von 30 Milliarden Dollar. Heute sind es 300 Milliarden Dollar. Wenn ich sage ausgeben, dann heißt das im Klartext, Geld drucken; diese SZR sind durch nichts gedeckt.«
Die SZR oder Sonderziehungsrechte sind eine synthetische Währung, die ursprünglich vom IWF geschaffen worden war, um Gold und Silber bei großen internationalen Transaktionen zu ersetzen. Bisher sind Sonderziehungsrechte jedoch wenig genutzt worden. Warum braucht die Welt plötzlich neues fiktives Geld und eine Weltzentralbank? Laut Rickard liegt der Grund dafür in dem sogenannten »Triffin Dilemma«, benannt nach dem Ökonomen Robert Triffin, der in den 1960er-Jahren erstmals auf das Dilemma hingewiesen hatte. Als die Welt von Goldstandard abrückte, musste eine starke Währung eines großen Landes als Reservewährung für die Abwicklung des Welthandels dienen. Doch die eigene Währung für internationale Zwecke zur Verfügung zu stellen, bedeutete, dass das betreffende Land gezwungen war, ständig mehr zu kaufen als es verkaufte, also große Defizite anzuhäufen. Infolgedessen wäre es unweigerlich irgendwann bankrott. Die USA waren in den vergangenen 50 Jahren die Antriebskraft der Weltwirtschaft, doch jetzt stehen sie vor dem Bankrott. Die USA könnten ihre Schulden ausgleichen und ihr eigenes Haus in Ordnung bringen, doch das würde zu einer Schrumpfung des Welthandels führen. Eine Ersatz-Weltwährung muss her, um die Weltwirtschaft anzutreiben, während die USA das eigene Verschuldungsproblem in den Griff bekommen. Genau diese neue Währung sollen die Sonderziehungsrechte des IWF werden.
Laut Rickards ist das die Lösung für das Triffin-Dilemma, doch das bringt die USA in eine sehr vulnerable Lage. Kommt es zu einem Krieg oder einer weltweiten Katastrophe, dann hätten wir nicht mehr das Privileg zum Gelddrucken. Wir müssten uns, wie jeder andere auch, die Weltreservewährung borgen und wären der Gnade der globalen Kreditgeber ausgeliefert.
Um dies zu vermeiden, hat die Federal Reserve die Bereitschaft zur Erhöhung des Leitzinses zu erkennen gegeben, selbst wenn das die Kreditverfügbarkeit für den Immobilienmarkt und die Realwirtschaft weiter erschweren würde. Rickets verwies auf einen am Tag des G20-Treffens im Wall Street Journal erschienenen Kommentar von Fed-Gouverneur Kevin Warsh. Dort schrieb Warsh, die Fed werde den Zinssatz erhöhen müssen, wenn die Asset-Preise stiegen – womit nach Rickets Interpretation nur Gold gemeint sein konnte, traditionell der sichere Hafen für Investoren, die aus dem Dollar fliehen. »Die Zentralbanken hassen das Gold, weil es ihre Möglichkeit zum Gelddrucken einschränkt«, so Rickards. Stiege der Goldpreis plötzlich auf 1.500 Dollar für die Feinunze, würde das bedeuten, dass der Dollar zusammenbricht. Warsh gab den Märkten zu verstehen, dass die Fed dies nicht zulassen werde. Die Fed werde die Zinsraten erhöhen, um wieder verstärkt Dollars ins Land zu ziehen. Laut Rickards »sagt Warsh, ›wir müssen irgendwie vom Dollar loskommen, aber das wird schrittweise geschehen‹ … Warsh versucht, einem chaotischen Niedergang des Dollars entgegenzuwirken. Was sie wollen, ist natürlich ein stabiler stetiger Niedergang.«
Aber ist die Fed nicht traditionell die Hüterin der Währungsstabilität? Das ist Unsinn, sagt Rickards. »Sie inflationieren den Dollar, um die Banken zu stützen.« Der Dollar muss inflationiert werden, weil die Höhe offenstehenden Schulden die Menge des zur Rückzahlung zur Verfügung stehenden Geldes bei Weitem übersteigt. Die Eventualverbindlichkeiten der Regierung betragen heute 60 Billionen Dollar. »Diese Verbindlichkeiten durch eine Kombination von Wachstum und Steuern auszugleichen, ist nicht vorstellbar«, so Rickards. Die Regierung könnte im Laufe der kommenden 14 Jahre nur etwa die Hälfte davon ausgleichen, was bedeutet, dass der Dollar im gleichen Zeitraum um die Hälfte abgewertet werden müsste.
Der Dollar muss um die Hälfte abgewertet werden? Den Wert des Dollars zu halbieren, bedeutet, dass unsere hart verdienten Dollars nur noch die Hälfte wert wären, so etwas kommt bei den Bürgern – der amerikanischen Main Street – nicht gut an. Tatsächlich erkennen wir bei genauerem Hinsehen, dass die geplante Veränderung nicht uns, den Bürgern, sondern vielmehr den Banken zugute kommt. Warum muss der Dollar abgewertet werden? Um ein Dilemma im heutigen Währungssystem auszugleichen, das noch weit schwieriger ist als das Triffinsche, eines, das man als Betrug bezeichnen kann. Es ist nie genug Geld da, die ausstehenden Schulden auszugleichen, denn mit Ausnahme des Münzgeldes wird heute alles Geld in Form von Krediten durch die Banken geschöpft, und stets sind die Schulden gegenüber den Banken höher als die bei der Kreditschöpfung ausgegebene Summe. Banken schöpfen nämlich die Kreditsumme, aber nicht die bei der Rückzahlung der Kredite anfallenden Zinsen.
Die Federal Reserve, die einem Konsortium von Banken gehört und zu dem Zweck gegründet wurde, deren Interessen zu dienen, soll darüber wachen, dass die Banken ihr Geld zurückbekommen. Dies kann nur gewährleistet werden, wenn die Geldmenge inflationiert wird, um die Dollars zu schöpfen, mit denen die fehlenden Zinsen bezahlt werden. Dadurch wird aber wiederum den Wert des Dollars verwässert, was den Bürgern eine Art verborgener Steuern aufbürdet. Die Geldmenge wird durch noch mehr Kredite inflationiert, was die Schulden- und Zinslast erneut vergrößert, die die inflationierte Geldmenge doch eigentlich erleichtern sollte. Das Bankensystem ist im Grunde ein Pyramidensystem, das nur durch die kontinuierliche Schaffung neuer Schulden in Gang gehalten werden kann.
Das 500 Milliarden Dollar schwere Stimulierungsprogramm: Hilfe für Entwicklungsländer oder für Banken? Das bringt uns zurück zu dem sogenannten Stimulierungsprogramm, über das Professor Buckley vergangene Woche gesprochen hat. Das Paket wurde so präsentiert, als sei es als Hilfe für die durch die globale Kreditkrise schwer getroffenen Schwellenländern gedacht, doch Buckley bezweifelt, dass das der wahre Grund ist. Vielmehr sind, wie er sagt, die von den G20 bereitgestellten 500 Milliarden Dollar »ein Stimulierungsprogramm für die Banken der reichen Länder«.
Wie kommt er darauf? Nun, Stimulierungsprogramme sind in der Regel Darlehen. Das Geld vom IWF wird in Form von Krediten vergeben.
»Es handelt sich um Kredite der G20-Länder, die über den IWF an arme Länder vergeben werden. Sie müssen zurückgezahlt werden und werden hauptsächlich zur umgehenden Schuldenrückzahlung an die internationalen Banken verwendet … [D]as Geld kommt in den armen Ländern gar nicht erst an. Es geht wandert direkt als Schuldenrückzahlung an ihre Gläubiger … Doch die armen Länder werden die nächsten 30 Jahre lang an den IWF zahlen müssen.«
Im Wesentlichen bedeuten die vom IWF vergebenen Kredite laut Professor Buckley eine Verlängerung der Laufzeit der Schulden. Das heißt: die Entwicklungslänger geraten noch tiefer in die Schuldenfalle als bisher.
»Augenblicklich sind die armen Länder Banken gegenüber verschuldet, notfalls könnten sich die armen Länder als zahlungsunfähig erklären. Jetzt werden die Schulden gegenüber den Banken durch Schulden gegenüber dem IWF ersetzt, an den die armen Länder aus guten strategischen Erwägungen immer zahlen werden … Die reichen Länder haben diese 500 Milliarden Dollar bereitgestellt, um ihre eigenen Banken zu stimulieren, der IWF ist ein willkommenes Zwischenglied zwischen den Ländern, ihren Gläubigern und den Banken.«
Noch vor Kurzem galt der IWF als überholt. Jetzt ist er wieder voll im Geschäft; aber eben in dem alten unseligen Geschäft als Eintreiber für die internationale Bankenindustrie. So lange wie die Schuldnerländer in der Dritten Welt ihre Schulden bedienen können, indem sie nur die Zinsen bezahlen, können die Banken die Kredite als »Aktiva« in ihren Büchern führen, was es ihnen ermöglicht, das Pyramidensystem durch die Inflationierung der weltweiten Geldmenge mit immer neuen Krediten in Gang zu halten. Alles dient den Banken und den mit ihnen verbündeten multinationalen Konzernen, doch die 500 Milliarden Dollar bezahlen die Steuerzahler in den G20-Ländern. Schon jetzt ist absehbar, dass sich die Vereinigten Staaten unter die Schuldnerländer einreihen werden, die der weltweiten Herrschaft der Zentralbanker unterworfen sind.
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