 | Admin schrieb am 14.12.2008: Die Fälscherwerkstatt im Weißen Haus
Andreas von Rétyi
Im vermeintlichen Olymp der Vereinigten Staaten wohnen – weiß Gott – keine Götter. Und Unschuldsengel gewiss auch nicht. Ein recht ungewöhnlicher Blick hinter die saubere Kulisse zeigt, wie das so wunderbar Weiße Haus ganz feste an seiner weißen Weste putzt. Dass unsere Zeiten nicht gerade stabil sind, hat sich herumgesprochen. Ebenso, dass stabile Zeiten ohnehin recht selten sind. Doch wenigstens die Fakten, die sollten doch stabil sein. An sich sind sie’s ja auch. Nur hat die Wahrheit meist Hausarrest, wo sie gefährlich werden könnte. So wird sie wohl gehütet und in düsteren Geheimarchiven verwahrt, denn das Licht der Öffentlichkeit könnte gar zu schädlich sein – vor allem für die Öffentlichkeit! Doch nicht alles kann unter Verschluss bleiben. Und oft zeigt sich erst mit erheblicher Verzögerung, welche Fakten sich zu höchst unangenehmen historischen Gebilden auswachsen und als störendes Unkraut im Blätterwald offizieller Pressemeldungen gedeihen. In der segensreichen Zeit virtueller Dokumente sind auch die virtuellen Wahrheiten nicht fern, ebenso wenig wie die Möglichkeiten zu mehr oder dezenter Manipulation. Ein großer Vorteil des Internets ist seine Aktualität – die Lebenszeit einer Website ist recht kurz, jederzeit sind Änderungen möglich. Wenn dies der Beseitigung des allgegenwärtigen »Druckfehlerteufels« dient oder der Präzisierung von Informationen oder wenn sich eben neue Erkenntnisse und Fakten ergeben haben, dann hat das ja auch seine Richtigkeit. Nur wenn die Veränderung nichts anderem als der Vernebelung dient, dann wird aus Korrektur eben Manipulation. Und das ist nicht in Ordnung. Ganz besonders dann nicht, wenn solche Manipulation auf den Websites höchster Instanzen geschieht.
Wie sich nun herausgestellt hat, findet dieses historische »Blurout«, diese geschichtliche Vernebelung auch auf den Internetseiten des Weißen Hauses statt. Dort verschwindet kritisches Material oder wird eben dem Zeitgeist »angepasst«. Beispiel Irak: Zwei von fünf Pressemitteilungen, die genauere Informationen zu Zahl und Namen der Länder nennen, welche die Irak-Invasion von 2003 befürworteten, sind komplett entfernt worden, die verbliebenen drei wurden ohne entsprechenden Hinweis geändert. In einem kürzlich erschienenen Beitrag mit dem Titel »Airbrushing History, American Style« weisen nun der Informationswissenschaftler Kalev H. Leetaru und der Politologie-Professor Scott L. Althaus auf diesen und andere Fälle hin. Hier erklären die beiden an der Universität Illinois tätigen Forscher: »Veränderungen an den historischen Aufzeichnungen durch das Weiße Haus der Bush-Ära begannen in den Anfangstagen der Irak-Invasion und setzten sich bis mindestens zum Ende des Jahres 2005 fort.« Auch wurde das offenbar missliebig gewordene Transkript eines Gespräches mit Andrew S. Natsios, Leiter der US-Behörde für Internationale Entwicklungen, im Jahr 2003 vollständig von deren Internetpräsenz gelöscht.
Solche Veränderungen »demonstrieren eine Geringschätzung gegenüber öffentlichen Aufzeichnungen«, ärgert sich auch Steven Aftergood vom »Projekt Regierungsgeheimhaltung« der Föderation Amerikanischer Wissenschaftler (Federation of American Scientists, FAS).
Leetaru und Althaus deckten die Manipulationen anhand des Internet Archive auf, das die Orginaltexte im Sinne einer digitalen Bibliothek gleichsam für die Nachwelt zu konservieren versucht. Doch wer macht sich schon die Mühe, die verschiedenen Textversionen miteinander zu vergleichen, vor allem, wenn die ursprünglichen Dokumente nicht mehr auf den dazugehörigen Internetseiten vorhanden sind!
Die Welt ist heute einerseits zwar transparenter geworden, jedermann kann sich heute so schnell und umfassend wie noch nie informieren. Andererseits aber stehen wir dieser Flut oft ohnmächtig gegenüber, so dass sich die Transparenz schnell ins Gegenteil verkehrt. Es ist eben wie mit einem dicken Stapel Klarsichtfolien, durch den wir auch nichts mehr wahrnehmen können, oder wie in einem verwirrenden Spiegelkabinett, wo die virtuelle Welt zum Universum gerät. Was aber aus den aktuellen Funden hervorgeht, ist die ganz klare Absicht hochoffizieller Behörden und Organe, wesentliche, aber störende Fakten zu vernebeln. So halten Leetaru und Althaus im Ergebnis fest, dass die identifizierten inhaltlichen Veränderungen eine größere Bereitschaft der scheidenden Bush-Regierung widerspiegelt, die Geschichte schönzufärben.
Leetaru schlägt nun ein Kontrollsystem vor, das dem Leser sicherstellt, nachweislich unverfälschte Seiten zu öffnen; eine Art Fingerabdruck der originalen Seite, der von einer unabhängigen dritten Partei ebenfalls im Netz archiviert würde, um einen sofortigen Vergleich zu ermöglichen. Auch die Behörden könnten mit diesem von ihnen finanzierten Service belegen, unveränderte Seiten ins Netz gestellt zu haben. Doch wer kontrolliert die unabhängigen Gesellschaften? Und wer die Kontrolleure? Die alte Frage also, das alte Spiel. Die schöne Theorie und die ernüchternde Praxis. Und am Ende bleibt alles, wie es ist. Denn wie kurz die Beine einer Lüge sind, hängt erfahrungsgemäß immer noch von der Ebene ab, auf der sie entsteht. Ganz oben zählt sie leider meist zu den Gewinnern. |